Der Mief von 150 Jahren

Eine der ekelhaftesten Dinge an der ekelhaftesten Partei Deutschlands ist die verfälschende Selbstinszenierung ihrer eigenen Geschichte. Die SPD wurde im Mai dieses Jahres 150 Jahre alt – zumindest reklamiert sie dieses Datum für sich und beruft sich dabei auf die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins am 23. Mai 1863 in Leipzig. Und das wird abgefeiert, und zwar besinnungs- und kritiklos.

In Berlin wurden die 150 Jahre deutsche Sozialdemokratie an diesem Samstag mit einem großen Fest gefeiert. Nach Art der Sozialdemokratie gab es dort Bratwurst und Bier in stolzen Mengen zu stolzen Preisen, schließlich sollte der Hartz-IV-Pöbel draußen bleiben, wegen der miesen Stimmung und so. Im Bezug auf die Geschichte der SPD, musste dieses Fest natürlich „Deutschlandfest“ heißen. Schließlich steht die SPD seit Jahrzehnten – nein seit Jahrhunderten – stramm an der Seite von Kaiser, Kanzler und Vaterland. Auch „Deutschlandfeste“ kennt man üblicherweise aus der ostdeutschen Provinz, wo unter diesem Label die NPD Hüpfburgen aufbaut und Nazibands grölen lässt. In Berlin übernimmt dies die SPD, auch mit Hüpfburgen, aber statt „Störkraft“ und „Landser“ kommen Roland Kaiser und die Prinzen.

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Das wäre dann auch schon zum kulturellen Hintergrund des Durchschnittssozialdemokraten gesagt, der an diesem Wochenende offenbar in rauen Mengen aus Bottrop, Castrop-Rauxel und Gelsenkirchen nach Berlin gekommen ist. Es schien, als wären diese Menschen bei den Eintrittskarten für den ZDF-Fernsehgarten wieder einmal leer ausgegangen und hätten sich daher für das Alternativprogramm auf dem Vaterlandsfest der Sozialdemokraten entschieden. Zahlreich standen die gecharterten Reisebusse um das Brandenburger Tor herum, die die Parteisoldaten zu ihren Offizieren und Generälen in die Hauptstadt brachten. Beim Blick in die Fenster der Fahrzeuge wird klar, dass da auf der Fahrt so mancher Boonekamp und das eine oder andere Likörchen geleert wurde. Feuchtfröhlich wird es zugegangen sein, mit etwas Schunkeln und Würstchen von der Tanke.

Der durchschnittliche Sozialdemokrat ist leicht zu erkennen. Nicht nur am roten und passend bedruckten Schlüsselband, das offenbar Pflicht zum Zwecke der gegenseitigen Erkennung ist und massenhaft verteilt wurde. Die Sozialdemokratin trägt meist Faltenrock (dunkel) und darüber eine mit einem groben Blumenmuster bedruckte Bluse aus Vollpolyester. Der gemeine Sozialdemokrat hingegen schwört auf Poloshirts, die straff über den Bauch gespannt in schwarze Jeans-Hosen gesteckt werden. Bevorzugte Kleidungsmarke ist auch hier „Camp David“ oder „Ed Hardy“. Gern trägt das SPD-Mitglied auch unisex, in diesem Fall ein rotes T-Shirt, über das alles möglicher Merchandising-Kram gehängt wird. Gesichtet wurden auch Exemplare, die dazu passend eine Mütze in schwarz-rot-gelb mit der Aufschrift „Deutschland“ trugen.

Doch kommen wir vom gemeinen Fußvolk der SPD zu ihrem Führungspersonal, zu den VIPs sozusagen. Diese kamen nicht in Kaffeefahrt-Style mit dem Charter-Bus zum völkischen Biersaufen am Brandenburger Tor. Stattdessen stand eine ganze Armada schwarzer VW-Busse mit noch schwärzeren Scheiben bereit. Sämtliche Kennzeichen dieser Fahrzeuge begannen übrigens mit H-VW, womit auch klar war, wer hier noch einen kleinen Obolus auf die zwei Millionen drauflegte, die das Fest gekostet hat. Seit Peter Hartz, mittlerweile leider vorbestraft, gilt Volkswagen bekanntlich als guter Personalpool für die deutsche Sozialdemokratie. Auch hatte jedes dieser komfortablen Fahrzeuge einen eigenen Fahrer im weißen Hemd mit Krawatte.

Aber was feiert diese Gröpaz, die größte Partei aller Zeiten, eigentlich? Welche Erfolge hat sie errungen? Feiert sie vielleicht ihre Zögerlichkeit mit der sie um die vorletzte Jahrhundertwende herum die gesamte Sozialistische Internationale verunsichert hat? Feiert sie ihr erst stillschweigendes und dann offenes Bekenntnis zu Kaiser, Volk und Vaterland? Ihre Zustimmung zum größten deutschen Rüstungshaushalt aller Zeiten im Jahr 1913? Oder doch die allseits bekannte Zustimmung zur Aufnahme von Kriegsanleihen im August 1914? Auch damals war die SPD bereits die SPD, wie wir sie kennen. An jenem 4. August war die höchste Form des Widerstands gegen die sozialdemokratische Kriegspolitik das Fernbleiben von der Abstimmung. Gegenstimmen waren in der ultraautoritären Partei mit ihren „Soldaten“ und „Generälen“ bis dahin nicht vorgesehen. Feiert die SPD vielleicht den Gründungsvater der modernen Sozialdemokratie, Gustav Noske, der schon vor über 100 Jahre vor „ostjüdischen Marxisten“ in der SPD warnte? Feiert die SPD die Reichstagsrede Rudolf Breitscheids von 1933, in der sich dieser dazu bekannte, keinerlei illegale Aktionen gegen die NSDAP vorzunehmen, während bereits überall in Deutschland die Konzentrationslager aus dem Boden gestampft wurden? Feiert sie ihre Verweigerung einer Einheitsfront mit den Kommunisten gegen die Nazis? Feiert die SPD die Berufsverbote der Bundesrepublik, das erste Einknicken vor Thatcherismus und Reaganomics unter Helmut Schmidt? Oder vielleicht doch die Renaissance klassischer sozialdemokratischer Hallodris des Typus Noske unter Rot-Grün? Jene Aufsteiger, denen wir Hartz IV, Kriege, Rentenkürzungen, Dumpinglöhne, entfesselte Spekulationsmärkte usw. verdanken? Man weiß es nicht. Dem Prinzip Noske scheint die SPD aber bis heute treu zu bleiben. Kleinbürgerliche Gestalten, deren Lebensziel Porsche und Luxusvilla sind, machen auch heute noch die Führungsriege aus, von Sarrazin bis Steinbrück.

Und diese Riege war auch vorm Brandenburger Tor anwesend. Mit ihr der gesamte sozialdemokratische Mief der letzten 150 Jahre. Während die Bratwurstschwaden auf die Bühne waberten, nahm etwa Frank-Walter Steinmeier, der dank eines genialen Einfalls der sozialdemokratischen PR-Strategen nur noch „Frank“ heißt, das alte Ritual des Hemdsärmel-Hochkrempelns vor: Manschettenknöpfe auf, langsam und Stück für Stück falten und nach oben ziehen. Die sozialdemokratische Menge konnte sich ob dieses Höhepunkts gar nicht mehr einkriegen.

Wer diese Riesenparty des Jahrtausends miterleben wollte, hatte es übrigens gar nicht so leicht. Hermetisch abgeriegelt war das Gelände. An Schleusen mussten die willigen Sozialdemokraten den Inhalt ihrer Taschen offenbaren. Von der Busfahrt übrig gebliebener Boonekamp wurde umgehend vom Wachpersonal entsorgt. Wer Deutschland feiern will, muss sich eben nackig machen. Aber der durchschnittliche Sozialdemokrat hat ja auch nichts zu verbergen. Zudem dürfte die Taschenkontrolle an den unzähligen Eingängen nicht weiter ins finanzielle Gewicht gefallen sein. Schließlich stemmt sich die SPD seit Jahren erfolgreich gegen einen Mindestlohn, der vor allem im Wachschutzgewerbe die Lohnkosten erheblich steigern würde.

2013-08-17 16.04.29

Nichts zu verbergen: Der Sozialdemokrat

Bleibt die Frage, was die SPD am Brandenburger Tor eigentlich getrieben hat? Wahlkampf ist dort nämlich verboten. Das musste seinerzeit sogar Barack Obama erfahren, dem für eine Rede die symbolträchtige Hintergrundkulisse genommen wurde. Aber schließlich war die große SPD-Sause kein Wahlkampf, stattdessen wurde „Deutschland“ gefeiert – wie schon die 150 Jahre zuvor.

Nein, die SPD ist nicht die „alte Tante“, bei der man, wenn man sie schon nicht leiden kann, wenigstens noch etwas erbschleichen dürfte. Die SPD ist eher der unsympathische verzogene Neffe, der überall ungebeten aufkreuzt, das Büffet leerfrisst, die Gäste beleidigt und am Ende noch das Klopapier klaut.

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