Massive Aufwertungen im Thälmannpark geplant

Die unendliche Geschichte misslungener Wohnungspolitik in Berlin, speziell in Prenzlauer Berg, wird um ein weiteres Kapitel ergänzt. Nachdem praktisch alle Gründerzeitviertel im Bezirk so aufgewertet wurden, dass Quadratmetermieten von unter 10 Euro bei Neuvermietungen Mangelware geworden sind, dass das einst bunte Treiben in Prenzlauer Berg kaum noch mehr als eine exotische Randerscheinung ist, dass Einkaufsmöglichkeiten, Kneipen, Restaurants und kulturelle Einrichtungen für kleine und mittlere Geldbeutel fast verschwunden sind, steht nun ein neues Projekt auf der Liste der Immobilienindustrie: Der einst als Ost-Refugium verschriene Thälmann-Park mit seinen Plattenbauten aus den 80er-Jahren, der seit Jahren einen Kontrapunkt mitten im öde gewordenen Einerlei der Luxuswohnungen darstellt, das heute nur noch von Immobilienmaklern als „Szeneviertel“ verkauft wird.

Stadtrat Kirchner (Grüne) und die Wahrheit

Bereits im Oktober hat die Linksfraktion in der BVV einen Antrag eingebracht, der den zuständigen Baustadtrat Jens-Holger Kirchner von den Grünen aufforderte, keine Vorabbaubescheide für das Areal Thälmannpark zu genehmigen. Am 18. Oktober hat Die Linke im zuständigen Bauausschuss Kirchner gefragt, ob es bereits solche Bescheide gäbe. Kirchner verneinte dies. Durch eine offizielle Anfrage hat sich nun herausgestellt, dass Kirchner bereits am 20. September den Bau eines mehrgeschossigen Luxuswohnblocks mitten im Thälmannpark vorab genehmigt hat. Kirchner hat damit nicht nur ganz offensichtlich Dinge verheimlicht, er hat auch ohne Not, trotz heftiger Gentrifizierungsdebatte, für ein weiteres Großprojekt im Sinne der Aufwertung der ohnehin schon arg gebeutelten Stadt gesorgt. Die BVV wurde darüber nicht informiert, noch weniger die betroffenen Anwohner – grünes Demokratieverständnis.

Luxuriöse Gleichförmigkeit aus dem Hause Göpel

Doch für den Thälmannpark gehen die Pläne noch viel weiter als „nur“ ein großer Block voller luxuriöser Wohnungen. Wie immer steckt hauptsächlich Immobilieninvestor Willo Göpel hinter den Plänen. Göpel grast seit Jahren freie Flächen vor allem in Prenzlauer Berg ab, um sie mit extrem teuren Wohnanlagen zu bebauen. Jeder kennt seine Gebäude, denn sie sehen immer gleich aus: schneeweiß, dunkle Fensterrahmen, abgerundete Hauskanten, eine Imitat-Mischung aus spätviktorianischen Reihenhäusern der Oberklasse und mediterraner Architektur, es könnte kaum langweiliger sein. Der „Prenzlauer Bogen“ gehört dazu – das Halbrund an der Danziger Straße zwischen Greifswalder und Prenzlauer Allee – als auch die Gated Community am Friedrichshain. Auch im neuen Epizentrum der Aufwertung, rund um die Pankower Florastraße, ist Göpel aktiv. Für den Thälmannpark sind neben dem Riesenblock, der dem Plattenbauhalbkreis in der Ella-Kay-Straße die Abendsonne nehmen wird, auch Häuser des üblichen Portfolios geplant: Townhouses und weitere abgeriegelte Blöcke.

Lügen und ein weltfremder Stadtrat

Dabei hat die Pankower Bauverwaltung offenbar schon den Ruf, sich nach Strich und Faden vereiern zu lassen: Immobilieninvestor Christian Gérome, der Gebäude auf dem Gelände in der Nähe der S-Bahntrasse plant, behauptet tatsächlich, dass die Townhouses für sieben bis acht Euro pro Quadratmeter vermietet werden sollen. Das entspräche in etwa dem Niveau, das man derzeit bei einer Neuvermietung in den Plattenbauten im Thälmannpark erwarten kann – wenn denn eine Wohnung überhaupt zu haben ist. Im Übrigen ist Gérome kein Unbekannter. Er versucht gerade das sattsam bekannte Haus in der Gleimstraße 52 zu entmieten, um daraus Luxuswohnungen zu machen. Dort wurde dem renitentesten Mieter kürzlich nachts die Wohnungstür angezündet. Die Täter sind natürlich unbekannt.

Stadtrat Kirchner ist derweil einzig darüber besorgt, dass die Luxuswohnungen im Thälmannpark „Spießer“ anziehen würden. Wer also dachte, dass nun endlich in Pankow ein Umdenken in der Wohnungspolitik einziehen würde, irrt gewaltig. Mit Kirchner scheint das Spiel der Immobilieninvestoren deutlich leichter zu laufen, als mit dem ehemaligen Stadtrat Nelken, der seine sattsamen Erfahrungen mit Göpel und Co. gemacht hat. Für wen „Spießer“ das einzige Problem in Prenzlauer Berg sind, wer berüchtigten Entmietern und Luxussanierern die Türen so weit öffnet wie er nur kann, hat offenbar den Schuss nicht gehört.

Anwohner wehren sich

Übrigens regt sich Widerstand gegen den neuen Großangriff der Gentrifizierung. Im Thälmannpark, wo Wohnungen derzeit von der Gewobag und der Genossenschaft „Zentrum“ verwaltet werden, bildet sich derzeit eine Anwohnerinitiative. Auch die Kultureinrichtungen auf dem Gelände, etwa die WABE oder das Theater unterm Dach, sind schon länger von den Kahlschlagsplänen im Bezirk betroffen. Nach alter maquiavellistischer Art wurde diese durch die neuen Mehrheitsinhaber direkt nach den Wahlen im letzten Jahr verkündet. Es bleibt zu hoffen, dass der Thälmannpark noch weiter ein Refugium für relativ preiswertes Wohnen in bester Lage bleibt. Doch auch die Gewobag hat bereits angekündigt, ab 2015 das Gebiet großflächig sanieren zu wollen. Dass diese Sanierung sozialverträglich abläuft, muss ein Ziel bleiben. Allein schon für die, die dort wohnen, aber auch als stadtentwicklungspolitische Aufgabe, um die weitere Verdrängung an die Ränder zu stoppen.

(jw)

Advertisements

Ein Gedanke zu „Massive Aufwertungen im Thälmannpark geplant

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s