Hässliche Dinge in Prenzlauer Berg. Heute: Zalando

Im alten Umspannwerk an der Kopenhagener/Ecke Sonnenburger Straße in Prenzlauer Berg, in direkter Nähe zur Noch-Geschäftsstelle der Pankower Linken, befindet sich seit einiger Zeit der Sitz des Online-Händlers Zalando. Zalando hat es als Start Up geschafft, mit aggressiver Werbung und ungewöhnlichen Service-Angeboten sehr schnell zu wachsen und viele Kunden zu gewinnen. Mit einem modernen Lifestyle-Image macht das Unternehmen vor allem Schuhhändlern das Leben schwer. Aber nicht nur konkurrierende Unternehmen leiden unter Zalando, sondern vor allem die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Vielleicht gibt es derzeit in Deutschland sogar kein anderes Unternehmen, das mit derart katastrophalen Arbeitsbedingungen und Gehältern die Leben von tausenden Menschen zerstört. Und diese Arbeitshölle hat ihre Zentrale mitten in Prenzlauer Berg.

Die Zalando-Zentrale in Prenzlauer Berg ist dominiert von hippen jungen Menschen, die für den Lohn der Flucht aus der Provinz den Preis des Dumpinglohns zahlen. Bei Zalando duzt man sich und alles atmet den Start-Up-Hauch. Da werden auch gern 8 Euro Brutto-Gehalt und weniger in Kauf genommen. Weniger, viel weniger Geld gibt es hingegen in den Logistik-Zentren des Versandhändlers. In Großbeeren steht solch eine Halle, in der unzählige Menschen die Service-Angebote von Zalando verarbeiten: Schuhe versenden, Retouren bearbeiten, Bestellungen weiterleiten, Pakete herausschicken. Eine ZDF-Reportage hat jüngst aufgedeckt, dass dort nicht nur für Hungergehälter gearbeitet wird; die Mitarbeiter stehen auch unter permanenter Überwachung und dürfen in ihrer gesamten Schicht nicht eine Sekunde sitzen. Die Logistik-Arbeiter werden von Leiharbeitsfirmen an Zalando „verkauft“ und wer nicht von solch einem modernen Sklavenhändler verschickt wurde, der absolviert in den Zalando-Hallen ein „Praktikum“. Praktikum bedeutet hier nichts anderes als kostenloses Arbeiten, die aussichtslose Hoffnung, der Angst-Hölle der Jobcenter zu entkommen, lässt die Sinne für die Zustände abstumpfen. Mitten in der Halle steht ein Toilettencontainer. Dieser ist völlig verdreckt und genutzt werden darf er nur nach einer Bitte um Erlaubnis bei den Vorgesetzten. Nach dem Bericht des ZDF nutzte Zalando den Skandal sogar zum eigenen Marketing, betonte, dass es sich nicht um Zalando-Mitarbeiter, sondern um Angestellte von „Partnern“ (Zeitarbeitsfirmen) gehandelt habe. Und selbst das Versprechen, die skandalöse Toilettensituation zu verbessern, wurde als Akt eines sozial handelnden Unternehmens verkauft.

Was nach dem ZDF-Bericht zu Shitstorms und öffentlicher Empörung führte, hätte man auch schon vorher wissen können. So hat etwa bereits 2011 Leiharbeiter „Uwe“ von skandalösen Zuständen in Großbeeren berichtet: Die Arbeit – für 6,80 Euro pro Stunde brutto – beginne mit einem schrillen Pfiff aus der Trillerpfeife und beim Toilettengang komme ein Security-Angestellter mit. Uwe berichtete, dass fast alle Arbeiter in Großbeeren aus Osteuropa mit Bussen herangefahren würden, nur wenige von ihnen würden Deutsch sprechen, so dass eine Kommunikation und vielleicht sogar Organisation unter den Zalando-Arbeitern ausgeschlossen ist. Ein polnischer Arbeiter berichtete von einem Stundenlohn in Höhe von 3,50 Euro.

„Da kaufe ich zur Not auch Schuhe im Internet, um diese Entwicklung zu unterstützen“ (Brandenburgs Arbeitsminister Baaske (SPD) zur Eröffnung einer Zalando-Filiale)

Die Politik benötigt hingegen wohl noch länger zum Aufwachen: In Brandenburg zeigte sich Wirtschaftsminister Ralf Christoffers glücklich über die Ansiedlung von Zalando in Brieselang, in Thüringen sind gerade erst 22,5 Millionen Euro Fördergelder in ein weiteres Zalando-Zentrum geflossen und in Berlin wurde und wird die boomende Billigwirtschaft generell als Erfolg gefeiert. Selbst nach dem breiten Bekanntwerden der Zustände in Großbeeren ging der Brandenburgische Arbeitsminister Baaske nicht davon ab, ein Loblied auf Zalando zu singen. Schließlich seien Arbeitsplätze geschaffen worden und Arbeit ist ja in Deutschland bekanntlich traditionell ein Selbstzweck.

Der Gründer und Geschäftsführer von Zalando, Robert Gentz, wird unterdessen in der Gründer-Szene als besonders begabter und erfolgreicher Geschäftsmann gefeiert. Seine Keimzelle hat Zalando daneben im Umfeld der Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer, die bereits unzählige Billigklitschen im IT- und Dienstleistungsbereich ins Leben gerufen haben. Die drei sind selbstverständlich mittlerweile Multimillionäre. So lange Start-Ups weiterhin ungesehen als innovative und achso moderne Unternehmungen gefeiert werden und jenseits aller sozialen Standards von den Verantwortungsträgern der Politik in den Himmel gelobt werden, wird es immer wieder zu solch skandalösen Zuständen kommen, bei denen Zalando wohl lediglich ein Extrembeispiel darstellt. Ohne Mindestlohn und eingeforderte Arbeitsschutzmaßnahmen und mit dem erdrückenden Hartz-IV-System, das Menschen aus Verzweiflung zu Unternehmen wie Zalando treibt, dürfte kein Ende solcher Unternehmensideen in Aussicht sein. Geschäftsmodelle, deren einziges Geheimnis im preislichen Unterbietungskampf durch maximale Ausbeutung der Mitarbeiter besteht, haben kein Existenzrecht und man kann nur hoffen, dass Zalando möglichst bald eingehen wird. Einen Gewinn soll der Laden ja bislang noch nicht gemacht haben.

(jw)

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