Über Leichen

Schöne Sachen gibt es in der Kopenhagener Straße in Prenzlauer Berg: Zwei Spielplätze, ein altertümliches nettes Café, einen traditionellen Fahrradschrauber, den Flügel Hanns Eislers in der Räumen der Hellen Panke und nicht zuletzt die Bezirksgeschäftsstelle der Linken. Neuerdings wird es aber auch immer hässlicher. Ecke Sonnenburger Straße siedelte sich zuerst mit dem Schuhversand Zalando einer der größten Profiteure der Berliner Billigwirtschaft an, der seine angepriesenen Dienstleistungen vorwiegend mit extremen Niedriglöhnen finanziert. Nun hat die Kopenhagener Straße ein paar Meter weiter, in der Nummer 67, ein neues Beispiel, welche Abartigkeiten die Profitgier der Immobilienwirtschaft in Prenzlauer Berg und anderen gentrifizierten oder davon bedrohten Gebieten entwickeln kann. Die unauffällige Mietskaserne lag bisher in einem Gebiet, das aufgrund seiner Lage – eingeklemmt zwischen S-Bahn-Gleisen und weit weg von Kneipen, Szenezirkus und U-Bahnhof – beinahe vergessen war. Das Haus ist grau und etwas schmuddelig, noch wie zu DDR-Zeiten. Trotzdem sollen jetzt die Mieterinnen und Mieter raus, denn jeder Quadratmeter Haus in Prenzlauer Berg bedeutet in (luxus-) sanierter Form noch immer Rendite und Profite. Menschen mit alten Mietverträgen stören da nur, und ein Haus zu sanieren, damit die Bewohnerinnen und Bewohner mehr Komfort haben – daran hat natürlich kein Immobilienspekulant Interesse: Kaufen, entmieten, sanieren, verkaufen und weg heißt die Devise und der mittlerweile angebotsorientierte Berliner Wohnungsmarkt macht es denkbar einfach.

In der Kopenhagener 67 ist aber mal wieder bei den Methoden der Entmietung eine Schwelle überschritten worden. Anfang 2011 wurde es plötzlich kalt im Haus. Die Ölheizung funktionierte zwar, aber der Vermieter hat einfach kein Öl mehr gekauft. Als es dann wärmer wurde, kam der Müll, bzw. er blieb. In einem dicht besiedelten Berliner Altbaugebiet bedeutet nicht abgeholter Müll den Ausbruch einer Rattenplage. Was mittlerweile meldepflichtig ist und von den Gesundheitsbehörden der Bezirke auch ernst genommen wird, vertrieb dann schon die ersten Mieter. Auch neue illegale Bewohner in den offenen leerstehenden Wohnungen samt Sachbeschädigung und Diebstählen taten noch einmal ihren Beitrag zur Entmietung.

Kriminell und unfassbar gefährlich wurde es aber, als sich eines Tages Gasgeruch ausbreitete. In einer leerstehenden Wohnung war eine Gasleitung beschädigt worden. Mutwillig, wie das LKA annimmt, wurde in diese ein Leck geschlagen. Das Einschalten des Lichts hätte gereicht, um eine gewaltige Explosion und damit den Tod der Hausbewohner hervorzurufen.

Wo über Leichen gegangen wird, um ein Haus zu entmieten, ist sicher etwas faul. Was bleibt ist die Fassungslosigkeit über die Skrupellosigkeit von Immobilieninvestoren, bei denen Menschenleben weniger Wert sind als ein paar Hunderttausend Euro Gewinn. Zweifelsfrei wird auch in der Kopenhagener Straße 67 bald ein weiteres langweiliges luxussaniertes Haus stehen, mit langweiligen Menschen, in einem immer langweiligeren Bezirk. Das Versagen der Berliner Wohnungspolitik, vom verfilzten Sozialwohnungssystem aus Westberlin, das der Immobilienwirtschaft einen Freifahrtschein zur Plünderung der öffentlichen Kassen gab, über die Weigerung der CDU-SPD-Koalition in den 90ern, aus diesem auszusteigen, bis zum verkorksten Ausstieg und den Privatisierungen unter Rot-Rot und der sich anschließenden Tatenlosigkeit, wird sich wohl in den kommenden Jahren so richtig bemerkbar machen. Überdurchschnittlich ist Berlin ja nun schon seit letzten Jahr offiziell: bei den Mieten im bundesweiten Vergleich.

Auch mal lesen: Die Letzten in der Kopenhagener 67 (Prenzlauer-Berg-Nachrichten); Fünf in Angst (Berliner Mieterverein)

(jw)

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Ein Gedanke zu „Über Leichen

  1. „Zweifelsfrei wird auch in der Kopenhagener Straße 67 bald ein weiteres langweiliges luxussaniertes Haus stehen, mit langweiligen Menschen, in einem immer langweiligeren Bezirk.“

    3 nicht ganz so langweilige Menschen wohnen hier noch. Und bleiben auch.

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