Zum Arbeitsbegriff im Programmentwurf

02.08.2010

Basisorganisationen Luise und Valentin

Der Programmentwurf nimmt eine einengende Definition des Arbeitsbegriffs auf die Lohnarbeit vor. Arbeit umfasst allerdings mehr als nur entlohnte Tätigkeiten. Weniger als die Hälfte der derzeit in der Bundesrepublik verrichteten Arbeitsstunden fallen im Bereich der Lohnarbeit an. Das Gros der Arbeit wird vielmehr an anderen Stellen verrichtet, beispielsweise bei der Pflege von Familienangehörigen, der Kindererziehung, der ehrenamtlichen Tätigkeit in Vereinen, Parteien oder Gewerkschaften und in vielen anderen Bereichen. Trotzdem weiß der Programmentwurf vorherzusagen: „Die Grundlage für die Entwicklung der Produktivkräfte ist heute und auf absehbare Zeit die Erwerbsarbeit.“ (Abschnitt IV.1)  Wir schlagen vor, diesen Glaubenssatz aus dem Programm zu streichen.

Eine moderne linke Partei muss, wenn sie nicht in der Rolle der Opposition hängen bleiben, sondern die kapitalistischen Produktionsverhältnisse überwinden möchte, ein Projekt breiter Schichten der Gesellschaft sein.  Dafür muss sie vielfältige Lebensumstände aufnehmen. Als labouristische Organisation , die sich auf die immer dünner werdende Schicht der skilled workersberuft, kann Die Linke dem Anspruch einer grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung nicht gerecht werden.

Die Arbeitsgesellschaft hat sich infolge der Deindustrialisierung und postfordistischen Entwicklungen wesentlich verändert. Das Beschwören der Vollbeschäftigung kann heute zumindest nicht mehr der einzige Lösungsansatz für die Schwierigkeiten sein, die die Veränderungen für die Gesellschaft mit sich bringen. Ohnehin ist der Begriff der Vollbeschäftigung schwammig. Und die angebliche Ära der Vollbeschäftigung in der alten Bundesrepublik konnte auch nur deshalb existieren, da beispielsweise Frauen mehrheitlich am Herd standen, deren Arbeit aber nicht als „Beschäftigung“ gewertet wurde und das patriarchale Alleinernährermodell dominierte. Keine Perspektive für eine moderne linke Partei.

Enttäuschend ist in diesem Zusammenhang das völlige Fehlen von Perspektiven jenseits der Lohnarbeit. Das bedingungslose Grundeinkommen (bGE), das in den Eckpunkten noch als Diskussionsobjekt zu finden war, sucht man im Programmentwurf vergeblich. Der Programmentwurf bleibt der herrschenden Logik der Lohnarbeit als Maß aller Dinge durchgehend verhaftet. Selbst in der persönlichen Biographie herrscht diese noch vor: Gute Arbeit – Gute Rente. Diejenigen, die schlechte (Lohn-)Arbeit oder gar keine hatten, sollen im Alter weiter auf Almosen des Sozialstaates angewiesen sein. Würde und Selbstbestimmung erreicht man so nicht. Das bGE ist als programmatische Forderung aus verschiedenen Gründen zwar ungeeignet. Als Beispiel für innovative Ansätze, um über die Fixierung auf die Lohnarbeit hinaus zu kommen, ist es jedoch von großem Wert.

Dies gilt auch für andere Auseinandersetzungen mit der Logik der Lohnarbeit als unabdingbares Element kapitalistischer Produktionsweise wie die Vier-in-eins-Perspektive von Frigga Haug. Ansätze wie diese sind unverzichtbar, um eine fruchtbare Debatte um Lohnarbeit, um Geschlechterverhältnisse oder um die gerechte Aufteilung der Arbeit – in all ihren Dimensionen – führen zu können.

Arbeit ist mehr als täglich acht Stunden im Büro oder am Fließband zu verbringen und damit das Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. Für viele Menschen ist dies ohnehin weder Teil der Lebensrealität noch erstrebenswert. Will Die Linke anschlussfähig an außerparlamentarische Bewegungen bleiben bzw. werden, will sie auf breite Bündnisse zur Transformation der Gesellschaft hinarbeiten, dann darf sie aktuelle Debatten nicht verpassen und nicht sehnsüchtig nach der Rekonstruktion vergangener Zeiten streben. Die Debatte um Arbeit ist längst gewichtiger Teil linker Diskurse.

Eine moderne Linke muss sich als Suchende an diesen Diskursen beteiligen – als Gleiche unter Gleichen. Ein Parteiprogramm ist kein theoretisches Werk. Es muss jedoch der Komplexität der heutigen Welt gerecht werden, indem eine Offenheit für innovative linke Diskurse signalisiert wird.

Ein solches Herangehen würde auch unserem im Programm formulierten Anspruch gerecht werden, eine lernende Organisation zu sein. Wir konterkarieren diesen Anspruch, wenn wir uns auf Forderungen festlegen, die großen Teilen unserer Stamm-Wählerschaft einleuchtend erscheinen mögen, der sich in rasantem Tempo verändernden Realität aber nur bedingt Rechnung tragen.

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